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Buxtehuder Tageblatt > Wenn Schützen keinen König haben

08.09.2019

Acht Vereine im Landkreis Stade bleiben dieses Jahr ohne neuen Regenten – Präsidenten sehen vor allem ein Zeitproblem

 

Von Peter von Allwörden
 

LANDKREIS. Schützenvereine haben eine lange Tradition und gehören, vor allem auf dem Land, zum gesellschaftlichen Leben. Aber sie haben mit einem Trend zu kämpfen, den es früher nicht gab: Immer mehr Vereine können bei ihrem alljährlichen Schützenfest keinen König proklamieren. Das TAGEBLATT fragte bei den Präsidenten nach den Gründen. Ein Ergebnis: Am Geld liegt es offenbar nicht.
 

 

Einmal im Leben Schützenkönig sein, der wichtigste Würdenträger des Vereins: Das war früher der Traum vieler aktiven Schützen, in jedem Verein. Doch ganz so verlockend ist es offenbar nicht mehr, sich König nennen zu dürfen. Mit dem Schützenfest in Dollern und dem Jungschützenfest in Apensen endet an diesem Wochenende die Schützensaison im Landkreis Stade, die Anfang Mai mit dem Fest in der Stader Ortschaft Wiepenkathen begonnen hatte. Insgesamt acht Vereine im Landkreis, vorausgesetzt in Dollern gibt es einen König, konnten in diesem Jahr keinen König proklamieren. Einzelfälle hat es in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben, aber eine solche Häufung ist ungewöhnlich.

Jan Steffens, Präsident des Bezirksschützenverbandes, der die Vereine im Landkreis Stade vertritt, sieht das dennoch gelassen. Er vertritt insgesamt 59 Schützenvereine im Kreisgebiet mit etwa 17700 Mitgliedern. Dass so viele Vereine keinen König haben, sei in diesem Jahr nun mal so, er würde das nicht überbewerten. Dahinter stehe Steffens Ansicht nach ein sehr „vielschichtiges Problem“. Vor allem in der Generation der 30 bis 50Jährigen seien die Menschen heute durch den Beruf oft sehr gefordert. In der Woche bleibe kaum Zeit für die Familie. Es bleibe nur das Wochenende. „Und das ist vielen Menschen heute sehr wichtig. Sie sind nicht mehr so bereit wie früher, sich im Verein oder ehrenamtlich zu engagieren“, sagt Steffens.

Sorgen über den Fortbestand der Schützenvereine macht er sich aber deshalb nicht. Sie müssten sich den Gegebenheiten und Bedürfnissen der Menschen anpassen. Wie das umgesetzt werde, müsse aber jeder Verein für sich entscheiden, der BezirksschützenverbandPräsident wolle da keine Vorgaben machen.

Viele Präsidenten der in diesem Jahr königlosen Vereine sehen das ähnlich wie der oberste Repräsentant des Schützenwesens im Landkreis Stade. Christian Köpke, Präsident des Schützenvereins HollernTwielenfleth, konnte 2019 sogar zum zweiten Mal in Folge keinen König proklamieren. Er glaubt auch, dass die meisten jüngeren Leute vor dem Zeitaufwand, der mit der Königswürde verbunden ist, zurückschrecken. Und er glaubt, dass vielen die Vereinstradition nicht mehr so wichtig sei. Das Sportschießen dagegen sei zunehmend interessant. Ein bis zwei Mal pro Monat sei der König in HollernTwielenfleth schon gefordert, sagt Köpke. Seine Idee: Vielleicht könnten die Termine für den König stärker aufgeteilt werden. Am Ende sei er aber „tiefenentspannt“, denn als Dorffest sei das Schützenfest immer noch angesagt und mit rund 300 Mitgliedern sei der Verein auch stabil.

Auch für Präsident Jens Hadler aus der Buxtehuder Ortschaft Ovelgönne bricht die Welt nicht zusammen, weil der dortige Schützenverein dieses Jahr keinen König habe. Das Thema Geld und Kosten für den König ist der Verein – wie viele andere auch – bereits vor Jahren angegangen. Es gibt private Versicherungsrunden, wo eine bestimmte Gruppe einzahlt, um den König zu unterstützen. Heute sei der König mit rund 1000 Euro dabei, früher seien es bis zu 10000 Euro gewesen: „Am Geld liegt es heute sicher nicht mehr, wenn jemand kein König werden will“, ist sich Hadler sicher.

„Meistens macht die Familie nicht mit“, ist die Wahrnehmung von Rolf Bardenhagen. Auch er konnte als Präsident des mit 150 Mitgliedern eher kleinen Behrster Schützenvereins in diesem Jahr keinen König ausrufen. Deshalb werde ja meist auch vorher abgeklärt, wer bereit wäre, den Königstitel anzunehmen, bevor er auf die Scheibe schießt. Sein Kollege Maik Stelling, Präsident in Brest, hatte sich unmittelbar nach dem Fest sehr geärgert, als er keinen König proklamieren konnte und schimpfte damals: „Ich bin hier kein Pausenclown, ich habe mein Amt übernommen, damit es hier weitergeht.“

Damit es in Ovelgönne positiv weitergeht, will Hadler im Verein einen Diskussionsprozess anregen, um über Veränderungen und Neuorientierrungen nachzudenken. Im Winter soll ein Ideenausschuss gebildet werden, um darüber zu diskutieren. Denn der Präsident hat erkannt: „Wir befinden uns insgesamt in einem gesellschaftlichen Wandel, der sich auch auf das Ehrenamt und Schützenwesen auswirkt.“

Aus dem Buxtehuder Tageblatt vom 07.09.2019

 

 

Foto: Foto dpa / Montage Medienzentrum Stade